Auch in der Schweiz wachsen nicht alle Kinder unter fairen und kindgerechten Bedingungen auf. Sie sind Grenzüberschreitungen ausgeliefert, werden ungenügend versorgt oder leben in schwierigen Lebens- und Familiensituationen. Lea Stalder engagiert sich seit Jahren im Kindesschutz. Daniel Berger hat sie an einem Qualitätsdialog der IGQK auf dem Gurten kennen gelernt. Lea Stalder hat uns per Mail Fragen zum Kindesschutz beantwortet.
Steckbrief von Lea Stalder
Lea Stalder ist Psychologin (lic. phil.) sowie Fachspezialistin für Kindesschutz und Prävention. Sie studierte Psychologie mit Schwerpunkt Sozialpsychologie an der Universität Zürich und arbeitete danach als Schulpsychologin und Schulsozialarbeiterin. Im Kinderschutzzentrum St.Gallen, welches Lea Stalder in den letzten Jahren leitete, entwickelte sie innovative Präventionsprojekte. Als Mitarbeiterin einer Opferhilfestelle für Kinder und Jugendliche wirkte sie am Aufbau eines ambulanten, systemischen Beratungsangebots mit. Lea Stalder ist seit 2024 Vorstandsmitglied der IGQK (Interessengemeinschaft für Qualität im Kindesschutz). Sie ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Töchtern.
Lea Stalder, du bist im Vorstand der IGQK, wo auch das Elim Mitglied ist. Erkläre uns doch in einfachen Worten, was die IGQK ist, und auch was dich bewegt, dort mitzuwirken.
Die Interessengemeinschaft für Qualität im Kindesschutz (IGQK) ist ein unabhängiger Verein, der sich der Qualitätssicherung und -entwicklung im Kindesschutz in der Schweiz widmet. Ziel ist ein regelmässiger Austausch zwischen Praxis, Wissenschaft und Verwaltung um die Qualität im Kindesschutz über die Kantonsgrenzen hinaus zu stärken. Ich engagiere mich seit November 2024 mit viel Herzblut im Vorstand. Meine Leidenschaft für Prävention und nachhaltige Unterstützung für gewaltbetroffene Familien ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Vernetzung und Kooperation sind im Kindesschutz zentral, deshalb schätze ich den regelmässigen, interdisziplinären Austausch mit Vorstand und Mitgliedern und Interessierten an den Fach-Veranstaltungen sehr.
Was bewirkt die IGQK ganz konkret?
Die IGQK fördert den Austausch zwischen Disziplinen und Professionen und vernetzt Institutionen, Organisationen und Behörden. Eine regelmässige Reflexion und sorgfältiges koordiniertes Vorgehen und Abstimmung der Unterstützung sind im Kindesschutz zentral. Gut gemeinter Kindesschutz unbeabsichtigte negative Folgen haben. Oft ist es eine Gratwanderung und erfordert professionelles Abwägen und Ringen darum, welche Massnahmen in kritischen Gefährdungssituationen langfristig den Schutz und eine gesunde Entwicklung der Kinder garantieren.
Für den fragmentierten Kindesschutz in der Schweiz liegen erstmals Qualitätsstandards vor, auf die sich unterschiedliche Akteur:innen verständigt haben. Auf Initiative von Fachpersonen im Kindesschutz wurden die transdisziplinären Qualitätsstandards entwickelt. Der Austausch und Dialog zwischen Praxis und Wissenschaft sowie der Einbezug von Öffentlichkeit, Politik und Personen, die in ihrer Kindheit selbst Erfahrungen mit dem Kinderschutz gemacht haben, waren massgeblich für den Entwicklungsprozess. Die Standards bieten der Praxis Orientierung und Anregungen für fachliche Aushandlungen und Diskussionen. Die Standards lösen die Spannungen nicht auf, die für den Kindesschutz typisch sind, aber sie machen sie bearbeitbar. Qualitätsentwicklung ist ein nie endender Prozess. Für die Weiterentwicklung einer professionellen Kindesschutzarbeit muss die Diskussion über Standards weitergeführt und deren Umsetzung durch Organisationen implementiert werden.
Was ist eigentlich Kindesschutz?
Kindesschutz hat zum Ziel, das sogenannte Kindeswohl zu wahren, und greift ein, wenn dieses gefährdet ist. Unter Kindesschutz wird jegliche Abwendung von Gefährdungen für das Kindeswohl sowie für die kindliche Entwicklung verstanden. Der Gefährdung liegt eine absehbare, jedoch nicht zwingend eingetroffene Schädigung des Kindes durch das Tun oder das Unterlassen von Eltern,
Familie oder Betreuungspersonen zugrunde. Kindesschutz umfasst die professionelle Unterstützung zur Vorbeugung, Erkennung und Einschätzung von Gefährdungen sowie die Behandlung und Nachbetreuung des betroffenen Kindes. Kindesschutz ist eine Verbundaufgabe, weil die Verantwortung, Organisation und Finanzierung auf Bund, Kanton, Gemeinden und Private aufgeteilt sind. Kindesschutz umfasst alle rechtlichen, gesellschaftlichen und institutionellen Maßnahmen, die sicherstellen, dass Kinder und Jugendliche sicher, gesund und frei von Gewalt aufwachsen können.
Wer bestimmt, wie man Kinder schützt und was sie brauchen?
Die Kinderrechtskonvention (KRK) liefert den gesetzlichen Rahmen und definiert auf welche Rechte Kinder Anspruch haben. In der Schweiz wurde die KRK 1997 unterschrieben. Nach Art. 3 Abs. 1 der UN-KRK ist das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorranging zu berücksichtigen ist. Kindeswohl muss für jedes Kind in seiner Lebenssituation konkretisiert werden und gilt als Orientierung für jegliche Unterstützung im Kindesschutz.
Entwicklungspsychologie und Erziehungswissenschaften befürworten für eine gesunde Entwicklung einen liebevollen und verlässlichen Erziehungsstil. Die grosse Mehrheit der Eltern kennt die Grundbedürfnisse von Kindern und wünscht sich einen respektvollen und gelassenen Umgang im Erziehungsalltag. Die Schwierigkeit ist, dass Eltern in Überforderungssituationen dieses Wissen (noch) nicht oder nicht mehr abrufen können. Manche Eltern greifen im Affekt möglicherweise auf in ihrer Kindheit erlebte, negative Erziehungsmuster zurück. Die Zeit als die sogenannte schwarze Pädagogik und autoritäre Erziehung als gesellschaftsfähig galt, ist auch in der Schweiz noch nicht sehr lange her. Erziehungsmethoden, welche mit Strafen, Kontrolle, Demütigungen oder Einschüchterungen drohten, waren noch vor rund 50 Jahren weit verbreitet. Seit einigen Jahrzehnten sind die schwerwiegenden Folgen eindeutig belegt. Erkrankungen und psychosoziale Auffälligkeiten treten oft als Folge von verbaler Gewalt wie Drohungen und Abwertungen, körperliche Gewalt und belastenden Kindheitserlebnisse auf. Auch Miterleben von häuslicher Gewalt oder Vernachlässigung wirken oft nachhaltig negativ auf die Entwicklung von Kindern und ihre langfristige Gesundheit aus. Dies beweisen länderübergreifenden Studien* seit vielen Jahren. *Quelle: PDF
Eltern wissen genau was ihr Kind braucht, findest du nicht?
Eltern kennen ihr Kind in der Regel am besten und viele Eltern machen einen sehr guten Job und wissen intuitiv was ihr Kind braucht. Heutzutage besteht die Gefahr, dass sich Eltern von vielen verschiedenen Ratgebern und teilweise widersprüchlichen Empfehlungen in den sozialen Medien verunsichern lassen. Erziehung ist sehr anstrengend und meiner Meinung nach werden Eltern auf diese Aufgabe schlecht vorbereitet. Mit der Geburt des ersten Kindes, werden Eltern ins kalte Wasser geworfen und müssen sich grösstenteils selber zurechtfinden und viele bisher unbekannte Herausforderungen meistern. Es ist ein 24/7 Job und diese verantwortungsvolle Aufgabe wird oft erschwert durch Anforderungen, wie Leistungs- und Zeitdruck, ständige Erreichbarkeit, Sorgen über aktuelle Weltlage, unrealistische Erwartungen etc. Kommen weitere Schwierigkeiten, wie Krankheiten, Sucht, Beziehungsprobleme, Konflikte, Geldsorgen oder prekäre Wohnverhältnisse dazu, kann es zu Überforderungssituationen kommen. Eltern versuchen oft zu lange alles alleine zu managen. Wichtig wäre, dass Eltern wissen, wo sie Unterstützung erhalten. Ein Ort, an welchem sie ernst genommen werden und der Weg zur Veränderung gemeinsam gestaltet wird.
Kindesschutz wird in der Öffentlichkeit oft auch negativ bewertet. Weshalb ist das so?
Eine spannende Frage, ich vermute diese steht in Zusammenhang mit Interventionen durch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB). Ich kann versuchen Hypothesen zu bilden.
In erster Linie sollen Familien bei Erziehungsproblemen oder Überlastung unterstützt werden, damit sie die Situation selbst verbessern können. Es gibt verschiedene, freiwillige, niederschwellige und teilweise kostenfreie Angebote. Erst wenn freiwillige Hilfen nicht greifen und das Wohl des Kindes akut gefährdet ist, ist es möglich, dass staatliche Behörden eingreifen. In der Schweiz ist hierfür die KESB zuständig.
Die Gefährdungsmeldungen bei der KESB haben in den letzten Jahren zugenommen, was eigentlich eine gute Entwicklung ist. Es ist ein Hinweis, dass die Gesellschaft vermehrt hinschaut und Verantwortung übernimmt. Nicht alle Gefährdungsmeldungen führen letztlich zu einer Massnahme, weil manchmal fälschlicherweise Alarm geschlagen wird, oder Betroffenen freiwillig Unterstützung annehmen. Etwa für die Hälfte ordnet die KESB zum Schutz des Kindes Maßnahmen an, wie beispielsweise Beistandschaften, Erziehungsweisungen oder als letzte, selten verordnete Massnahme, die Fremdplatzierung des Kindes. Bei sexuellen Grenzüberschreitungen oder schwerer körperlicher Gewalt können schon einmalige Ereignisse schwere Folgen haben. Deshalb verlangen diese Fälle manchmal nach Sofortmassnahmen.
Die Massnahmen werden vielleicht vereinzelt als ungerechtfertigte Bevormundung wahrgenommen. In den Medien wird zum Teil über Fälle berichtet, welche schwerwiegenden Eingriffe einseitig beschreiben. Eine KESB darf sich aus Datenschutzgründen nicht zu den Hintergründen äussern, welche zu den Entscheiden geführt haben. Dadurch entsteht ein unvollständiges Bild, was dazu führen kann, dass falsche Vorstellungen herumgeistern über ein unverhältnismässiges Eingreifen der Behörde. Vielleicht wird deshalb manchmal zu spät Hilfe in Anspruch genommen. Vielleicht hat es auch mit einer Angst vor Kontrollverlust tun. Wenn ein Problem nicht angegangen wird, verschlimmert es sich unter Umständen und wertvolle Zeit geht verloren. Vielleicht ist es dann bereits zu spät für freiwillige Interventionen. Nur wenn Fachstellen von betroffenen Kindern wissen, können diese angemessen unterstützen. Ich denke, dass das Prestige der KESB teilweise ungerechtfertigt unter einseitigen Medienberichten leidet. Es ist schwierig in Krisensituationen eine gute Lösung für alle Beteiligten zu finden, manchmal geht es darum, eine Massnahme unter vielen nicht idealen Lösungen zu wählen. Kindesschutz bewegt sich oft im Spannungsfeld zwischen „zu früher“ und „zu spät“ erfolgter Intervention. Sowohl das Übersehen einer akuten Kindeswohlgefährdung als auch unbegründete Verdächtigungen oder Falschanschuldigungen können schwerwiegende Folgen haben. Interdisziplinäre Zusammenarbeit reduziert das Risiko von Fehleinschätzungen.
Früher war die Dunkelziffer von Kindeswohlgefährdungen vermutlich grösser und auch heute läuft Vieles unter dem Radar von Hilfestellen. Es gibt auch belastende Situationen, welche im privaten Umfeld abgefedert werden können. Für Bezugspersonen im Umfeld von Kindern und auch für pädagogische Fachkräfte ist es oft nicht einfach, Hinweise richtig zu deuten. Es ist wichtig, dass bereits bei einem unguten Gefühl die Beobachtungen mit Vorgesetzten besprochen werden. Auch ein Austausch im Team ist sinnvoll, immer unter Einhaltung des Datenschutzes und bewusster Unterscheidung von Fakten und Interpretationen. Niemand sollte im Kindesschutz alleine handeln. Erhärtet sich ein Verdacht auf Kindeswohlgefährdung ist der Einbezug einer Fachstelle zwingend: Es ist nie «zu früh» eine Fachberatung in Anspruch zu nehmen!
Das Elim ist eine Eltern-Kind-Einrichtung. Welche Rolle spielen solche Angebote im Kindesschutz?
Manche Familien stecken in Lebensumständen, welche dazu führen, dass die Gestaltung eines liebevollen und verlässlichen Familienlebens phasenweise ins Wanken gerät. Manchmal braucht es einen Ort der Sicherheit, wo Menschen Vertrauen fassen können, um in Zukunft hoffentlich wieder autonomer unterwegs zu sein. Eltern-Kind-Einrichtungen bieten Schutz, Sicherheit und professionelle Begleitung. Sie helfen Familien, wieder Stabilität zu gewinnen, Vertrauen aufzubauen und neue Perspektiven zu entwickeln.
Worin siehst du die Stärken und Chancen einer stationären Eltern-Kind-Begleitung?
Bevor ein stationäres Setting empfohlen wird, wird in der Regel gut geprüft, ob sich die Gefährdung durch ein ambulantes Setting reduzieren lässt. In der frühen Kindheit ist die Verlässlichkeit von Bezugspersonen zentral. Wenn das Kindeswohl gefährdet ist und kein stabiles Umfeld vorhanden ist, welche Schutz und Sicherheit für Babys und Kleinkindern garantiert, können Eltern-Kind-Angebote einen geschützten Rahmen bieten. Dort können Eltern ihre Erziehungskompetenzen stärken und tragfähige Bindungen zu ihren Kindern aufbauen. Es ist für Kinder und ihre Eltern in jedem Fall eine Bereicherung, wenn sie in eine gute und tragfähige Bindung aufbauen können. Eltern bleiben in der Regel die wichtigsten Bezugspersonen von Kindern, oft ein Leben lang und unabhängig davon, ob ein Zusammenleben in alleiniger Obhut eines Elternteils nach dem Aufenthalt möglich ist. Deshalb lohnt es sich, Familien gezielt zu unterstützen und ihre vorhandenen Ressourcen zu fördern.
Gibt es Belege für den Nutzen solcher Angebote? Was es den Kindern und den Eltern bringt und weshalb die Gesellschaft solche Angebote finanzieren soll?
Eine Wirkungsanalyse von Mutter-Kind-Angeboten im Kanton Zürich** zeigt, dass bei vielen Müttern positive Entwicklungen angestossen werden konnten. Vielen Mütter fehlt es jedoch nach dem Austritt an einem unterstützenden Umfeld, um ihr Potenzial auszuschöpfen und oft sind für ein autonomes Leben noch viele Hürden zu überwinden. Deshalb ist ein schrittweiser Übergang in die Selbstständigkeit sinnvoll. Eltern-Kind-Angebote, sollten so konzipiert sein, dass bei Eltern ergänzend zur Stabilisierung und Verbesserung der Erziehungskompetenzen – bei Bedarf und sofern möglich – auch berufliche Weiterentwicklungen anstossen werden, um erste Schritte in eine finanzielle Unabhängigkeit zu ermöglichen. Eltern-Kind-Angebote können dazu beitragen, Erziehungskompetenzen zu stärken, die Selbstständigkeit zu fördern und langfristig Leid sowie gesellschaftliche Folgekosten zu reduzieren. Deshalb halte ich solche Investitionen für sinnvoll und nachhaltig.
** Quelle: PDF (Schlussbericht 2015, ZHAW, Soziale Arbeit, Institut für Kindheit, Jugend und Familie, Wirkungsanalyse von Mutter-Kind-Angeboten im Kanton Zürich)
Du hast dich im Rahmen einer Weiterbildung mit Eltern-Kind-Einrichtungen beschäftigt. Worum ging es da und was hast du Neues gelernt, was für die Leser interessant sein könnte?
Im Rahmen eines CAS an der ZHAW in Zürich, habe ich eine Praxisarbeit geschrieben, mit dem Titel «Effiziente Dokumentation der Lernerfolge im Haus für Mutter und Kind». Mir ist aufgefallen, dass es gerade in komplexen Situationen eine Herausforderung ist, den Fokus nicht zu verlieren und Entwicklungsverläufe jederzeit sichtbar zu machen. Eine zu umfangreiche und lückenlose Dokumentation kann auch kontraproduktiv wirken, wenn aufgrund des zeitlichen Aufwands die Begleitung von Mutter und Kind im Alltag darunter leidet. Zentrale Entwicklungs- Fort- und Rückschritte sollten für alle Mitarbeitenden nachvollziehbar sein. Falls sich keine Lernerfolge einstellen oder die Entwicklung stagniert, sollten mögliche Ursachen kontinuierlich geprüft werden. Stillstände oder Rückschritte bedeuten möglicherweise eine schlechte Prognose für die alleinige Obhut bei einem Elternteil. Sie könnten auch darauf hinweisen, dass Interventionen durch das Fachpersonal angepasst werden müssen oder das Setting im Haus für Mutter und Kind nicht passt. Vielleicht verzögern auch ungelöste Konflikte im Haus oder im Umfeld eine positive Entwicklung.
Veränderungen erfordern ein angemessenes fordern und fördern auf Augenhöhe und vertrauensvolle Beziehungen mit Fachpersonen, welche notwendige Veränderungen sensibel und dennoch ehrlich ansprechen. Wertschätzung, Respekt, positive Erfahrungen, bereichernde Erlebnisse und eine Prise Humor sollten im Zentrum stehen, um die Motivation für das Erlernen neuer Fähigkeiten zu erhöhen.
Meine Praxisarbeit liefert einen Vorschlag für eine praxistauglichere Form für die Dokumentation und erste Anregungen, um die gewünschten Ziele anhand von einer überschaubaren Anzahl passender Indikatoren auszuweisen. Im Alltag ist es eine Herausforderung objektive Indikatoren für die Bindungsqualität zu erheben. Zu empfehlen ist eine möglichst einheitliche Verwendung von Begriffen und eine Erfassungsmaske, welche einen gewissen Freiraum zulässt für individuelle Ziele. Bei der Wahl der Indikatoren sollte der Fokus auf der Qualität der Mutter-Kind-Beziehung und Belastbarkeit der Mutter liegen und Kontexte wie spätere Wohnform, Arbeit, Beziehungsnetz mitberücksichtigt werden.
Im Kindesschutz gibt es viele Stellen, die mitwirken. Es ist ein komplexes System. Wenn du mit einem Wunsch das System verbessern könntest, wie sähe diese Lösung aus?
Ich hätte viele Wünsche und Ideen:
- Regelmässige Überprüfung der Wirksamkeit von Interventionen
- Kontinuierlicher Ausbau der interdisziplinären Zusammenarbeit
- Mehr Zeit und Gefässe für Reflexionen und für eine gute Abstimmung von koordiniertem Vorgehen
- Kostenlose und obligatorische Erziehungskurse für alle Eltern
Wenn ich mich auf einen Wunsch beschränken müsste, wäre es, dass die Politik mehr Geld in die Prävention und Früherkennung von Kindeswohlgefährdungen investiert.
Mehr Geld für präventive Angebote:
- Schulungen für Schulen, Kitas und Vereine, um Mitarbeitende für das genaue Hinsehen zu sensibilisieren
- Verbindliche Einführung von Kindesschutz-Konzepten in Institutionen, um Übergriffen vorzubeugen
- Präventionsprojekte, welche Kinder stärken und ihr Umfeld befähigen, um für einen guten Schutz zu sorgen
- Unterstützung und Entlastung für Familien, welche mit der Erziehung überfordert sind
Ein wichtiger Schritt ist die gesetzliche Verankerung der gewaltfreien Erziehung in der Schweiz ab dem 1. Juli 2026. Sie setzt ein klares Signal: Kinder haben ein Recht auf gewaltfreies Aufwachsen. Das Gewaltverbot gilt für alle erziehungsberechtigten- und erziehungsverpflichtete Personen. Auch Schulen, Kitas oder Heime benötigen Strategien, wie sie Kinder und Jugendliche gewaltfrei begleiten. Im Zuge der Gesetzesänderung zur gewaltfreien Erziehung sind Begleitmassnahmen gefordert: Schulen, Kitas oder Heime müssen wissen, wie sie Eltern in ihrer Rolle stärken und unangemessenes Erziehungsverhalten ansprechen können. Es geht nicht darum Eltern in Zukunft vermehrt zu bestrafen. Mit frühzeitiger Unterstützung könnten viele kritische Situationen abgefedert und grosses Leid verhindert werden.
Es braucht es mutige, kreative und gut vernetzte Organisationen, um gesellschaftlich wirksame Arbeit zu leisten und um die Sichtbarkeit sozialer Anliegen zu erhöhen. Die Arbeit im Kindesschutz erfordert viel Ausdauer, Zusammenhalt im Team, Rückhalt durch Vorgesetzte, ein gutes Netzwerk, genügend finanzielle Ressourcen und gute institutionelle Strukturen.
Vielen Dank für das Interview!

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